Studie - Teil 4
Die Gefangenen
Im Oktober 1939 kamen in den Stalags VI B Versen und VI C Bathorn die ersten polnischen Kriegsgefangenen an, Karl Liedtke beziffert die Gesamtzahl auf „ca. 10.000“, von denen nach der Registrierung in den Stalags VI B und VI C unter anderem 3.500 im Bahntransport in den Regierungsbezirk Hildesheim verbracht worden sind. Weitere wurde auf Arbeitsstellen verteilt, in vielen Dörfern entstanden mit Stacheldraht umzäunte und bewachte Unterkünfte für Gefangenen, die in der Landwirtschaft tätig werden sollten. Eine weitere Gruppe waren polnische Fähnriche, von denen 1.800 ab Juni 1940 zum Stalag VI B verlegt werden. Während der Bahntransport von 1.200 der Gefangenen zum Lager VI Oberlangen über den Bahnhof Lathen abgewickelt wurde, gelangten 400 von ihnen über den Bahnhof Meppen in das Lager X Fullen und 200 in das Lager VIII Wesuwe. Im März und April 1941 wurden alle diese Gefangenen vom Bahnhof Meppen im Bahntransport nach Köln und von dort weiter in ein Lager in Rösrath gebracht. 11
Der Westfeldzug ab dem 10. Mai 1940, der nicht nur einen Angriff auf das kriegführende Frankreich, sondern auch einen völkerrechtswidrigen Überfall auf die neutralen Länder Luxemburg, Belgien und die Niederlande darstellte, brachte Gefangene aus allen diesen Ländern nach Meppen. „In den Stalags im Emsland gab es im September 1940 insgesamt 27.750 französische Kriegsgefangene. Mehr als 80% arbeiteten in etwa 300 Arbeitskommandos in der Landwirtschaft.“, schreibt Karl Liedtke. 12
Es gab noch weitere Kriegsgefangenengruppen außer Polen und Franzosen. In seinem Buch „De Wonsstelling“ beschreibt Jacob Topper die Kämpfe in den niederländischen Nordprovinzen. Nach Inkrafttreten der Kapitulation am 15. Mai wurde ein Teil der gut 300 Gefangenen aus der Stellung Kornwerderzand am Abschlussdeich des Ijsselmeeres in der Provinz Friesland in einer Kaserne und einer Schule der Stadt Groningen gesammelt. Aber der größere Teil wurde schon am 15. Mai mit Lkw nach Meppen transportiert, wo die Kolonne am 16. Mai gegen 23 Uhr ankam. Zu Fuß ging es von dort ins Lager IX Versen, wo das Personal des Stalag VI B offenkundig mit der Registrierung und Verpflegung der Menge der Gefangenen überfordert war. Vier Tage später marschierten Gefangenenkolonnen zum Bahnhof Meppen, von wo die Niederländer per Zug nach Fünfeichen (Stalag II A) transportiert worden sind. 13
Am selben Tag ging noch ein weiterer Transport vom Bahnhof Meppen ab. Aufschlussreich sind Auszüge aus dem Tagebuch des aus der Provinz Friesland stammenden Sergeanten (Feldwebel) Simon Tette Hofstra:
14. Mai, Lager Versen: Wir werden registriert und müssen unser Geld abgeben. […] Gegen Abend marschieren wir zum Lager Wesuwe. Es lag ungefähr sechs Kilometer entfernt.“ Dort wird Hofstra mit seinen Kameraden zum Einebnen einer Heidefläche eingesetzt. „17. Mai: […] Gegen Abend beziehen ungefähr 400 Polen eine Baracke an der anderen Seite. 18. Mai: [….] Eine neue Abteilung Kriegsgefangener (Holländer) kommt an; […] 20. Mai: Um 4 Uhr stehen wir auf. Um 5 Uhr ziehen wir ab: nach Meppen. Es sind gut drei Stunden Fußmarsch. Ungefähr 9 Uhr kommen wird am Bahnsteig an. Wir klettern mit je 40 Mann in einen Güterwagen; sie liegen voller Stroh. Wir müssen nach einiger Zeit wieder aussteigen für das Ausfegen unseres Fahrzeugs. Als wir zum zweiten Mal eingestiegen sind, werden die Türen verriegelt. Weil keine Bänke vorhanden sind, setzen wir uns auf den Boden; hier sitzen wir und warten bis gegen 2 Uhr. Wir werden kurz ‚herausgelassen‘ um unseren Bedürfnissen nachzukommen, dann werden wir wieder eingeschlossen. Pünktlich um 2 Uhr fährt der Zug ab. Wir haben Brot für je drei Mahlzeiten mitbekommen. […] Unsere Reiseroute ist wie folgt: Meppen – Haselünne – Herzlake – Lewinghausen – Essen (Oldenburg), Halen – Pratau – Wittenberg – Jüterbog.14
Dies zeigt, dass auf der Meppen-Haselünner-Eisenbahn Gefangenentransporte stattfanden und beschreibt die Umstände des Transports. Und es ist ein frühes Beispiel, wie die Deutsche Reichsbahn Kapazitätsengpässe durch die Umleitung von Zügen über Privatbahnstrecken bewältigen will. Ein großer Teil der im Befehlsbereich des Territoriaal Bevelhebber Friesland, Kolonel Jacob Veenbaas, in den niederländischen Nordprovinzen Drenthe, Groningen und Friesland durch die Wehrmacht zwischen dem 10. und 15. Mai 1940 gefangen genommenen über 4.000 Mann Grenztruppen, Heeres- und Marinesoldaten dürfte über das Stalag VI B Versen weitergeleitet worden sein, darüber hinaus, wie berichtet, gut 300 Mann aus der Stellung Kornwerderzand am Abschlussdeich des Ijsselmeeres im Befehlsbereich des Marinestützpunkts Den Helder. 15
Für niederländische Kriegsgefangene aus den Grenzprovinzen Overijssel und Gelderland waren Stalag VI C Bathorn und Stalag VI F Bocholt für die Registrierung günstiger gelegen. 16
Schulchroniken und ein Tagebuch belegen, dass die Bahnhöfe an der Strecke der Meppen- Haselünner-Eisenbahn Zielorte von Gefangenentransporten waren. Die Waggons wurden im Bahnhof Meppen von der Deutschen Reichsbahn an die MHE übergeben. So kommen am 21. Mai 1940 belgische Kriegsgefangene in Haselünne an, die auf die Stadt und die Nachbarorte verteilt werden. In Haselünne bleiben 45 Mann, 25 Belgier lösen in Lahre und Huden 30 polnische Gefangene ab, in Hülsen treffen am Folgetag 30 Wallonen ein, die anschließend in landwirtschaftlichen Betrieben in Hülsen, Westerlohmühen und Westerloh eingesetzt werden. In Herßum wird sogar ein eigenes Kriegsgefangenenlager für Belgier eingerichtet. 17
Die Zahlen beweisen, dass mindestens zwei Waggons mit insgesamt 80 belgischen Kriegsgefangenen in Haselünne angekommen sind. In den beiden Stalags VI B Versen und VI C Bathorn waren zwischen September 1941 und August 1942 durchschnittlich 1.500 bis 1.700 belgische Kriegsgefangene registriert, zwischen September 1941 und November 1944 durchschnittlich 1.300 bis 1.500. 18
Die nächste Phase der Gefangenentransporte begann mit dem Balkanfeldzug im April 1941, als Gefangenen aus Südosteuropa über den Bahnhof Meppen ins Stalag VI B Versen mit seinen Nebenlagern gelangten. Martin Koers zitiert Statistiken vom 1. Mai 1941 als dort 593 jugoslawische und vom 1. Juni 1941 als dort 1.450 serbische Kriegsgefangenen registriert waren. Griechische Gefangene sind zumindest für das Stalag VI C Bathorn belegt. Sicher ist, dass 1944 von Thessaloniki aus über den Bahnhof Meppen 500 griechische Widerstandskämpfer ins Lager Versen gelangt sind. 19
Der Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 brachte die weitaus größte Gefangenengruppe in die Region, Angehörige der sowjetischen Armee. „Neben dem Hunger waren es vor allem die Umstände des Transports in Richtung Westen, die Art der Unterbringung und der Mangel an ärztlicher Versorgung, die seit Ende September zu einem Massensterben unter den russischen Kriegsgefangenen führten und diese zur größten Opfergruppe der NS-Herrschaft in Europa nach der jüdischen Bevölkerung werden ließen.“, schreibt Karl Liedtke. 20
Am 1. September 1941 waren die Lager des Stalag VI B Versen mit 8.668 sowjetischen Kriegsgefangenen, 10.659 Franzosen, 960 Südosteuropäern, 1.012 Belgiern und 217 Polen belegt. Diese 21.632 Menschen sind zum größten Teil über den Bahnhof Meppen zur Registrierung in Versen gelangt und die meisten wurden von dort per Zug zu Arbeitsstellen in den Großstädten, meist im Ruhrgebiet gebracht – und arbeitsunfähig, dem Tode nahe, auf demselben Weg zurück in die „Sterbelager“ XIII Wietmarschen und VIII Wesuwe. 21
Im Archiv der Gedenkstätte Esterwegen gibt es einen anonymen Augenzeugenbericht, der in den 1980er Jahren aufgezeichnet worden ist:
Im Februar 1943 kam ein ganzer Eisenbahnzug mit Russen in Meppen an. Die Gefangenen marschierten dann durch die Stadt. Einige fielen hin und blieben tot liegen. Viele konnten gar nicht mehr gehen, viele haben die Gefangenen durch die Stadt marschieren sehen, ich vergesse das nie. Viele Mütter standen am Rand und hatten Brot unter der Schürze, das sie den Gefangenen dann zusteckten, obwohl es verboten war. Einige Frauen haben sogar geweint. Wir haben auch Geschwister in Rußland. Die Mütter haben bestimmt an ihre Söhne gedacht.22
Einen weiteren Augenzeugenbericht hat der1934 geborene Meppener Wilhelm Jühe verfasst:
Zeitweise konnte man Gefangenentransporte beobachten. Irgendwann bekamen wir heraus, wann diese in Meppen mit dem Güterzug am Güterbahnhof ankamen. In Dreierreihen zogen sie quer durch die Stadt über den Schullendamm Richtung Moor. Diese armseligen Gestalten stammten aus den verschiedensten Nationen. […] Sie verbreiteten einen eigenartigen Geruch, das lag wohl am Entlausungspulver. […] Dazu ein ganz persönliches Erlebnis: Wieder einmal zog ein Gefangenentransport durch die Stadt Richtung Westen, ich schätzte ihre Zahl auf ca. 2000 Mann. Begleitet wurden sie vom deutschen Wachpersonal, die trugen schwarze Mäntel mit grünem Spiegelkragen. Am Ende des Zuges fuhren mehrere Pferdewagen. Solch ein Wachmann wohnte in unserer Nachbarschaft. […] Wir Kinder standen am Straßenrand und sahen den Gefangenen zu. Eigenartigerweise gab es keine erwachsenen Zuschauer. Die Gefangenen waren in einem erbärmlichen Zustand. Sie litten unter Hunger und Durst. Meine Mutter, eine praktizierende Katholikin, gab mir ein Stück Brot, das ich einem Gefangenen geben sollte. Das war verboten, daher musste die Übergabe so passieren, dass die Wachtposten es nicht sahen. Ich hatte das Brot einem Gefangenen gegeben als eben unser Nachbar, ich glaube er hieß Blum oder Kuhn, dieses bemerkte. Er schrie mich an, ich solle verschwinden. Ich sah noch wie er dem Gefangenen mit dem Karabiner das Brot aus der Hand schlug und mit dem Gewehrkolben auf ihn einschlug. Der Gefangene fiel zu Boden und blieb an der Böschung liegen, unfähig aufzustehen. Am Ende des Zuges befand sich ein Pferdefuhrwerk, auf das die Gehunfähigen aufgeladen wurden. Für mich war dieser Vorgang ein schwerer Schock, unter dem ich lange gelitten habe. Wie kann ein Mensch einem anderen Menschen so etwas zufügen. Ein Mensch wird doch nicht mit so einer Brutalität geboren!?23
Eine besondere Bedeutung hatte der Bahnhof Meppen für den Auftrag an die Geheimen Staatspolizei (Gestapo), unter den sowjetischen Gefangenen „untragbare Elemente“ auszusortieren und in Konzentrationslager zu überstellen. Die Gestapozentrale für die Emslandkreise (Gebiet der heutigen Landkreise Grafschaft Bentheim und Emsland) befand sich, wie bereits erwähnt, in Meppen. Aus dem Stalag VI B Versen wurden im Oktober 1941 daraufhin 2.205 Gefangene in das KZ Mauthausen-Gusen bei Linz in Österreich überstellt. Es folgten weitere Transporte, bei denen aber nicht sicher ist, in welchem Umfang der Bahnhof Meppen die Ausgangsstation war. 24
Nach der Kapitulation Italiens am 3. September 1943 gegenüber den Alliierten, interniert das Deutsche Reich die in ihrem Machtbereich befindlichen italienischen Soldaten. Weil das Stalag VI B Versen 1942 aufgelöst wurde und die von ihm verwalteten Lager dem Stalag VI C Bathorn zugeteilt wurden, ist nur eine Gesamtzahl für alle Lager des Komplexes zu nennen: Rund 12.000 Italiener waren im Mai 1944 hier registriert. Aufschlussreich ist das Zitat des Militärgeistlichen Guido Visendaz:
Wir erreichten Meppen im Morgengrauen des 2. Oktober. Die Deutschen schicken uns vom Bahnhof aus Richtung Nordwesten und sagen uns, es handle sich um wenige Kilometer. In Fünferreihen überqueren wir die Ems. Nach einem mehrstündigen Marsch erreichten wir das Konzentrationslager Fullen. Wir machen innerhalb des Lagerzauns vor den Baracken der Gefangenen halt. Sie sind überfüllt mit italienischen Soldaten. Während die Truppe auf einem großen Platz zusammengetrieben wird, werden die Offiziere in eine Baracke dirigiert […] Wir lassen die Truppe in Fullen zurück. Wir Offiziere werden unter Aufsicht von Wachen, die mit langen französischen Gewehren bewaffnet sind, in Richtung Nordwesten geschickt. Nach etwa einer Stunde erreichen wir das Lager Versen, das etwa fünfzehn Kilometer von der Grenze zwischen Ostfriesland und Holland entfernt ist. Ebenso weit ist es bis zum Bahnhof Meppen; […].25